Brünn


Wie immmer gilt: Wer in die Reiseplanung nicht viel Zeit investiert, sollte stillschweigend alle gebuchten Unterkünfte akzeptieren. Und als es irgendwann in den letzten Tagen mal hieß, dass wir unseren Urlaub mit einer Übernachtung in einem ehemaligen Bunker beginnnen würden, da klang das prinzipiell noch ganz okay: dicke Wände und so, keine Fenster, innen aber vermutlich charmant aufgehübscht.

Jedoch nicht ganz sauber kommuniziert wurde vorab, dass besagter Bunker im Originalzustand aus Zeiten des zweiten Weltkrieges an besonders kecke Touristen vermietet wird. Heißt: Dicke Wände, keine Fenster und auch der Rest ist trist. Drei Pritschenbetten, drei Schränke, die man nur hassen kann, ein abgewetzter Stuhl, hübsche Fotos von Panzern an den Wänden. Es ist eine mittlere Katastrophe. Kein Klo, kein Waschbecken. Die Gattin, die das hier gebucht hat, kichert vergnügt.Gut, dass wenigstens die Eheleute  Hartmann in der Stadt sind. Mit denen kann man wunderbar das schöne Städtchen Brünn belatschen. Hier geht es lustig bergauf und bergab, es gibt eine Kathedrale und Kaffee, einen Brunnen und Bier - und schon plätschert der erste Abend seinem recht frühen Ende entgegen, denn der Wecker in Deutschland weckte uns heute schon um 5:30 mit seltsamen Ambient-Sound, von dem man eigentlich nur wach wird, da man sich unglaublich über ihn ärgert. 
Die Tochter haben wir zunächst mal in Berlin gelassen, denn die hat nächste Woche noch Termine. Zu dritt ging es also nach Tschechien, erst am nächsten Sonntag werden wir in Bukarest alle wieder beisammen sein. 
In Brünn steht übrigens eine phallische Säule herum, die sich seltsam dreht. Es handelt sich theoretisch wohl um eine Uhr - die Säule, so sagt man, sei also in der Lage, die Zeit anzusagen. Die Funktionsweise der Uhr wird selbsverständlich auf eigens angebrachten Infotafeln zweisprachig ausgiebig erläutert. Kurz gesagt: es ist kompliziert und eigentlich versteht keine und keiner in Brünn, was man mit diesem gigantischen Dark-Wave-Spargel machen soll. Die Zeit ablesen jedenfalls nicht. Deshalb hat man einen Mechanismus so eingebaut, dass das Ding jeden Tag um 11 Uhr irgendwie Bälle um sich wirft. Wir versuchen, diesem Schauspiel morgen beizuwohnen. Schön ist jedenfalls, dass die Uhr, die niemand versteht, wenigstens um 11 Uhr Bälle werfend allen Menschen mitteilen kann, dass es nun aber wirkklich sowas von 11 ist.   
Auch morgen schlafen wir speziell, nämlich im Schlafwagen zwischen Ungarn und Rumänien. Mittags geht es hier also schon wieder los nach Budapest. Dort kaufen wir Paprika (rosenscharf) und fahren schnell weiter.
Wenn aber heute Nacht die politische Situation den Einsatz chemischer Waffen über Brünn erforderlich machen soll, so seid beruhigt, liebe Angehörigen. Hier im Bunker sind wir bestens geschützt.

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