Zum hoffentlich letzten Mal berichten wir heute mitten aus dem spröden bulgarischen Gesundheitssystem und nehmen vorweg: es kam zum Eklat.
Der Vater stapfte jedenfalls nach dem Frühstück den mittlerweile gut bekannten Weg hoch ins Balchik-Krankenhaus, das diesmal, da werktags, recht geschäftig daherkam. Nicht nur Ärzte schienen anwesend zu sein, sondern auch Patienten in großer Zahl.
Dem Vater wurde die Tür zum Chirurgen gezeigt. Klopfen, eintreten. Darin eine Dame und ein Herr. Schnell wieder raus also aus dem Behandlungszimmer, oder hat der doofe Tourist wieder die spezielle Körpersprache der Bulgaren missverstanden und sollte eintreten? Der Arzt rannte jedenfalls hinterher, fragte nach der Herkunft des frechen Patienten und grölte auf das schüchtern formulierte Herkunftsland "Ah, Germany! Deutschland Deuschland über alles" ins vollbesetzte Wartezimmer.
Nun wurde dem Vater erklärt, dass hier so einige Menschen auf ihre Konsultation beim Chirurgen warten. Nun gut, dann muss man eben warten und "Frau Jenny Treibel" lesen. Man erkundigte sich also nach dem Ende der Schlange und wollte sich dort gerade platzieren, als die Tür des Chirurgen erneut aufging.
"The German", brüllte der Arzt und befahl den sich gerade auf eine lange Wartezeit einstellenden Deutschen ins Behandlungszimmer, in welchem direkt erklärt wurde, dass eine Fahrt nach Varna viel teurer sei als die bevorstehende Behandlung hier.
Wieso jetzt Varna, dachte da der Vater. Für nur wenige Leva, zunächst war von 15 die Rede, später von 20 und am Ende prangte die Zahl 30 auf dem Display des Taschenrechners, würde man die Behandlung durchführen können. Das sei halt echt billiger als die Fahrt nach Varna.
Die Dame, nicht der extrovertierte Herr, entfernte nun die familienintern als Zimtstange bezeichnete Kompresse auf dem Kopf und kassierte (zu diesem Zeitpunkt mittlerweile durchaus erwartbar) die "Behandlungskosten" in Cash. Wir gehen davon aus, dass sie diese Summe pflichtbewusst nach Sofia melden und akribisch abrechnen wird.
Der Vater trat nach vollzogebem Handwerk aus dem Behandlungszimmer und sah sich einem wütenden Mob der Wartenden gegenüber. "Why didn't you respect the line?", fragte der Lauteste. "I was called by the doctor". "I give a shit. Why didn't you respect the line." Nochmal ein "I was called by the doctor" noch mal ein wütendes "I give a shit" und dann Abmarsch. Ohne Zimtstange auf dem Kopf. Handlanger der bulgarischen Korruption. Es war sehr unangenehm.
Auch andere Familienmitglieder erlebten heute Atemberaubendes: der Sohn absolvierte sein vom heimischen Fußballtrainer verordnetes Konditionstraining, während die Tochter und die Gattin nicht das Schloss Balchik besichtigten, da man dafür nicht nur 15 Leva an Kassenhäuschen 1 hätte zahlen müssen, sondern anschließend direkt das zehn Meter entfernte Kassenhäuschen 2 hätte aufsuchen müssen, in welchem eine grimmige Dame weitere 15 Leva verlangt hätte.
Wofür? Für den botanischen Garten selbstredend, den die beiden Damen gar nicht sehen wollten, der aber in seiner puren Existenz wohl einfach untrennbar mit dem Balchiker Schloss verbunden ist, obwohl ihm ja immerhin ein völlig eigenes Kassenhäuschen vergönnt ist.
Klingen wir noch wie die sympathischen Erkundungs-Touristen, die fröhlich und singend durch Rumänien und Bulgarien reisen? Oder schon wie die verbitterten Rentnerpaare bei uns im Hotel? Wir glauben, die Antwort zu kennen und lassen es uns weiter gut gehen an Pool und Meer.
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