Wieder derselbe Fehler: in allen möglichen analogen und digitalen Informationsquellen lautete es einhellig, die Wanderung hoch auf den Jepii Mari, der hier über uns thront, sei letztlich ganz okay. Man müsse immer dem Symbol "Blaues Dreieck" folgen, dann sei alles halb so wild. Das Symbol "Blaues Kreuz" versprach indes den baldigen Tod. Dort war zumindest von trittfesten Schuhen die Rede und von schwindelfreiem Gesamtzustand, der erforderlich sei, um diese Route zu bestehen.
Wir ließen den "Blaues-Kreuz"-Abzweig ins Gehölz also gekonnt links liegen und staksten so '"Blaues-Dreieck"-mäßig rein in den Berg.
Deshalb wissen wir auch nicht genau, was die kecken Wanderer auf der Route "Blaues Kreuz" so alles erwartet, doch kann es sich nur um die halsbrecherischsten Klammen, Klüfte und Schotterfelder handeln, denn selbst unsere Route "Blaues Dreieck" ging dreieinhalb Stunden auf schmalen, unbefestigten Wegen bergauf. Hier durch wilde Farne, dort wieder hauchzart am hungrigen Abgrund. Rutschige Steine und Wurzeln dienten als Halterung, aber machen wir es kurz: wir sind alle heil oben angekommen.
Dort oben, auf etwa 1900 Metern, tauchten dann plötzlich wieder Menschen auf, was insofern seltsam war, als dass wir auf dem gesamten Aufstieg nicht einen einzigen Wanderer gesehren haben. Wo kamen die her?
Nun, es handelte sich um zwei Gruppen: zum einen waren da die so genannten Parkplatz-Versager (Homo defectus areae stationis curruum) und zum anderen die Seilbahn-Versager (Homo defectus funicularis). Erstere entstiegen ihren auf etwa 1850 Metern geparkten Autos, letztere der Seilbahn, die von Busteni auf den Nachbarberg des Jepii Mari, den Jepii Mici fährt.
Sie alle stolzierten nun in quälender Lässigkeit über das Hochplateau zwischen Mari und Mici und wir hassten sie sehr mit ihren blöden Wanderstöcken und baumelnden Trinkflaschen, die sie auch gleich im SUV neben den angeknabberten Keksen hätten lassen können, denn das Hochplateau war nun mal platt. Wie der Name schon sagt.
Ganz, ganz am Ende vom Weg "Blaues Dreieck" stand dann übrigens auf einem Schild die zynische Wahrheit: "Difficult and Dangerous. Ätschibätsch. Das sagen wir euch auf diesem Schild erst hier oben auf dem Gipfel. Tragt diese Informationen fortan im Herzen, aber nicht nach unten. Dort sollen weiterhin naive, nicht trittfeste und nicht schwindelfreie Touristen die Route 'Blaues Dreieck' einschlagen. Kicher." Dies waren in etwa die Worte auf dem Schild.
So zwischen 1500 und 1700 Metern entwickelte die kleine Familie aber den weisen Gedanken, dass man oben auf dem Gipfel des Jepii Mari die paar Schritte auf dem Plateau zur Seilbahnstation des Jepii Mici laufen würde und die absurd hohe Summe für die Seilbahnfahrt nach unten zu zahlen bereit sei, denn dass man den Abstieg am Blauen Dreieck mit all seinen glitschigen Felsbrocken würde unverletzt überstehen, galt schnell als unwahrscheinlich. So gesellten wir uns auf 2150 Metern Höhe zu den anderen Homo defectus funicularis und schwebten ins auf 850 Meter gelegene Busteni hinab.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen